Anfang Oktober veranstaltete das Evangelische Bildungswerk (EBW) Regensburg gemeinsam mit Ausbildung statt Abschiebung, der BI Asyl, der Seebrücke Regensburg und CampusAsyl e.V. eine Informationsveranstaltung zur Lage in den Regensburger Unterkünften für Geflüchtete während der ersten Welle an Covid-19-Infektionen. Die drängendste Frage lautete – und lautet auch jetzt angesichts steigender Zahlen: Haben wir aus der Situation im Frühjahr gelernt?

Aber von Anfang an:

In einer hybriden Veranstaltung mit Publikum vor Ort im Evangelischen Bildungswerk und der Möglichkeit, sich per Zoom zuzuschalten, informierten Ali, der im Frühjahr selbst in einer Gemeinschaftsunterkunft in Regensburg an Covid-19 erkrankt war, Gotthold Streitberger von der BI Asyl und Dennis Forster von CampusAsyl e.V. über die Chronologie der Ereignisse im April und Mai diesen Jahres.

Moderator Carsten Lenk vom EBW bedauerte gleich zu Beginn der Veranstaltung, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Regensburg, des Gesundheitsamts und auch der Regierung der Oberpfalz die Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt hätten. In der Tat war dies der größte Wermutstropfen eines ansonsten sehr spannenden Abends.

Gotthold Streitberger umriss zunächst grob die Vorgehensweise der Pandemie-Bekämpfung im Frühjahr im Kontext der Unterbringung von Geflüchteten. Obwohl der Bayerische Flüchtlingsrat bereits im März um die Entzerrung der Wohnsituation von Geflüchteten besonders in Sammelunterkünften gebeten habe, sei die Strategie gewesen, bei Ausbrüchen stets die gesamte Unterkunft unter Quarantäne zu stellen – in Regensburg war dies beispielsweise in der GU Dieselstraße und in der GU Weinweg der Fall. Bis heute sei eine Entzerrung, d.h. konkret eine Unterbringung von nicht miteinander verwandten Geflüchteten getrennt voneinander in Einzelzimmern, nicht umgesetzt – obwohl es eine entsprechende Empfehlung des RKI seit Anfang Mai gibt.

Ali, der seit 2017 in Deutschland ist, erzählte im Anschluss von seinen eigenen Erfahrungen im Frühjahr dieses Jahres. Im April und Mai wohnte er mit seiner Familie, die Ende 2019 nach Regensburg nachkommen konnte, in der GU Dieselstraße – vier Personen auf 23 qm. Anfang Mai hatte zunächst er sich fiebrig gefühlt, danach bekam auch seine Frau Fieber. Eine Nachfrage beim Hausarzt blieb zunächst wenig aussagekräftig – Verdacht auf Influenza. Erst nachdem die gesamte Familie über Husten, Müdigkeit und Fieber geklagt hatte, schickte der Hausarzt am 12. Mai ein Test-Team. Das Ergebnis: Alle Familienmitglieder waren Covid-19-positiv.

Dennis Forster von CampusAsyl brachte es im Anschluss auf den Bericht Alis auf den Punkt: „Im März haben wir alle Einschränkungen erfahren. Wir haben alle unter den Kontaktbeschränkungen gelitten. Wir haben gemerkt, dass Produktivität und Motivation abnehmen. Es gab eine Flut an Informationen in einer Sprache, die man nicht versteht – aber das ist die Situation von Geflüchteten auch ohne Corona!“

Wie viel extremer die Einschränkungen für geflüchtete Personen im Frühjahr waren, machte Alis Bericht deutlich. 20 Tage verbrachte die vierköpfige Familie in ihrem Zimmer, komplett isoliert. „Ich bin dankbar für Deutschland. Aber diese Situation funktioniert einfach nicht,“ sagte er.

Noch einige weitere wichtige Punkte wurden an diesem Informationsabend angesprochen: So wurde kritisiert, dass die offiziellen Informationen zu Quarantäne und Isolationsmaßnahmen in den Sammelunterkünften zu Beginn nur auf Deutsch zur Verfügung gestellt wurden. In Verbindung mit einer fehlenden stabilen W-LAN-Verbindung in den Unterkünften bedeutete das, dass der Zugang zu essentiell wichtigen Informationen über sinnvolle Schutzmaßnahmen und auch über die Krankheit deutlich erschwert wurde.

Angesprochen wurde auch, dass immer noch Geflüchtete in Vierbett-Zimmern untergebracht sind. Und dass die rechtliche Beratung und psychologische und psycho-soziale Betreuung der Geflüchteten zeitweise komplett unterbrochen war.

Was bleibt als Fazit dieses Abends?

Zunächst das Bedauern darüber, dass ein echter Austausch mit Stadt Regensburg und Regierung der Oberpfalz nicht möglich war. Alle Diskussionsteilnehmerinnen und Diskussionsteilnehmer sprachen im Laufe des Abends den Wunsch nach diesem Austausch an.

Dann die Einsicht, dass die Einschränkungen, die man im Frühjahr selbst erlebt hatte, verglichen mit der Perspektive von geflüchteten Personen nicht mehr ganz so dramatisch scheinen.

Und schließlich die Frage: Sind wir für den Herbst und Winter besser aufgestellt als wir es im Frühjahr waren?

 

Von Judith König



28.10.2020 10:40,
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