– Unfold the Potential of Talented People – so lautet das Motto des Projekts „Habibi.Works.“ Dabei handelt es sich um eine „Freiheits-Werkstatt,“ einen Ort, an dem sich Geflüchtete und jeder, der sich noch beteiligen möchte, künstlerisch und kreativ ausleben kann. Diese Werkstatt befindet sich im Norden von Griechenland, genauer gesagt neben dem Katsikas Geflüchteten Lager. Ins Leben gerufen hat dieses Projekt die deutsche NGO „ Soup & Socks.“ Wir haben Tobi, ein Mitglied dieses Vereins über „Soup & Socks,“ „Habibi.Works,“ und die aktuelle Lage der Geflüchteten in Griechenland befragt.

Wieso hat sich der Verein Soup&Socks gegründet? Und von wem genau?

Der Verein hat sich Ende 2015 als Reaktion auf die Flüchtlingskrise gegründet. Wie der Name „Soup and Socks“ schon erahnen lässt, ging es zu Beginn eher um die Bereitstellung von Essen und Kleidung. 
 Gegründet wurde der Verein von einer kleinen interdisziplinären Gruppe junger Leute. Wirtschaftsingenieur, 3D-Druck Spezialist, professioneller Koch. Mit einer 10-köpfigen Gruppe machten sie sich Ende 2015 auf nach Athen, um dort täglich Essen für 1000 Menschen zu kochen. Erst nach einer weiteren Tour im März 2016 wurde im August 2016 das FabLab und momentane Projekt „Habibi.Works“ gestartet.

Ihr kritisiert die europäische Politik, indem ihr darauf hinweist, dass es an Strukturen fehlt, die Geflüchteten ermöglichen würde, eine Bereicherung für die Gesellschaft zu sein. Was genau meint ihr damit? Was macht die Politik in der Hinsicht konkret falsch und wie könnt ihr diese Lücke füllen?

Was fehlt sind Programme, welche eine Integration und einen kulturellen Austausch mit der Bevölkerung vor Ort fördern. Es fehlt an Strukturen, in denen Geflohene nicht als Gefährdung, sondern als Menschen, die mit einzigartigen Talenten und Berufserfahrungen ankommen, gesehen werden. Und es fehlt vor allem an Programmen, welche es den Geflohenen ermöglichen, einen Beitrag in der Gesellschaft durch ihre Talente zu leisten.


Deutschland macht, im Vergleich zu anderen EU-Ländern, sicherlich schon einiges richtig. Doch nicht in jedem EU-Land gibt es geregelte Sprachkurse, Integrationsklassen und ausreichend Arbeit, um eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft zu fördern.

In Griechenland fehlt es an allen der oben genannten Punkte. Die wenigen Projekte, die in diese Richtung abzielen, wie zum Beispiel das HELIOS Projekt von IOM, werden nahezu immer von NGOs initiiert. Man kann der griechischen Regierung zurecht unterstellen, dass sie keinen politischen Willen zeigt, aktiv die Integration der Geflohenen zu fördern. Doch selbst das von IOM getragene Projekt HELIOS, welches in erster Linie Mietunterstützung sowie Sprachkurse bieten soll, funktioniert meistens nicht. Es gibt viel zu wenig Griechischunterricht und es ist nahezu unmöglich für einen Geflohenen eine normale Wohnung in Griechenland zu bekommen. 


Nicht zu Letzt gelingt es der EU nicht, Geflohene als eine Bereicherung zu sehen. Obwohl die meisten Studien zeigen, dass Migration langfristig auch mit einem Wirtschaftswachstum einhergeht, wehren sich die meisten Regierungen gegen eine aktive Integrationspolitk. Als Konsequenz werden Camps zum Beispiel oftmals in Industriegebieten oder anderen abgelegenen Orten gebaut und somit eine erfolgreiche Integration verhindert.

Habibi.Works ermöglicht es Menschen, durch die vielen unterschiedlichen Werkstätte, ihre Talente auszuleben, aber auch neue Talente zu erlernen. Wir sehen unsere Maker als Schreiner, Schneider, Köche, Künstler, wir sehen sie als Leute voller Ideenreichtum und Talenten und dieses Bild versuchen wir auch dem Rest der Welt zu zeigen. Auch wenn wir selbst nicht in der Lage sind, Leuten einen Arbeitsplatz zu bieten, so können wir sie dennoch auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, und einen ersten Kontakt zur „westlichen Kultur“ geben.

Das Projekt befindet sich ja neben dem Katsikas Geflüchteten Lager. Wie sieht das Leben der Geflüchteten in Griechenland, insbesondere in diesem Lager aus?

Auf den Inseln ist die Lage am dramatischsten. Die Lager dort sind überfüllt. Es mangelt an menschenwürdiger Unterbringung, medizinischer Versorgung, fließendem Wasser und, vor allem zu Zeiten von Corona, an hygienischen Sanitäreinrichtungen. Gewalt, Frustration und Armut ist an der Tagesordnung und sorgt oftmals für ein zweites Traumata. 
 Das Camp Katsikas, welche den größten Anteil unser Maker aufweist, befindet sich auf einem alten Militärgelände, etwa 8km von der nächsten Stadt Ioannina im Norden Griechenlands. Insgesamt wohnen hier über 1000 Menschen, die Lage ist besser als auf den Inseln, da das Camp nicht zum Bersten überfüllt ist. Dennoch müssen sich hier manchmal bis zu 9 Leute eine Wohnfläche von 28 m² teilen. Die meisten Bewohner stammen aus dem Nahen Osten und Afrika, kommen mit kleinen Kindern, ihren Großeltern oder allein. Kindern ist es inzwischen möglich die Schule zu besuchen, dennoch fehlt es vor allem an Bildungsangeboten für junge Erwachsene, Arbeitsplätzen sowie Integrationsmöglichkeiten. Zusätzlich endet für immer mehr Bewohner die finanzielle Unterstützung wodurch sie in existentielle Probleme geraten.

Was genau wollt ihr mit eurem Projekt erreichen?

In erster Linie liefern wir eine Plattform, welche es ermöglicht, Dinge zu reparieren, Sachen zu bauen, kreativ zu werden, und kulturellen Austausch zu fördern. Dadurch können wir auch schnell auf geänderte Bedingungen unserer Maker eingehen. Unser Arbeit hat viel mit Empowerment und Würde zu tun, denn bei uns können sich Menschen in erster Linie selber helfen, anstatt abhängig von anderen zu sein. Jeder, der schon mal selber ein Schrank gebaut, eine Hose genäht oder sein Fahrrad repariert hat, kennt das stolze Gefühl am Ende wenn man es geschafft hat. Uns geht es auch darum, gerade diese Gefühle zu vermitteln. Viele hängen in einer Warteposition in denen ihnen vermittelt wird, dass sie nichts wert sind und ihnen jegliche Entscheidungskompetenz abgenommen wird.

Ihr nennt euer Projekt auch „Freiheitswerkstatt“ oder „FabLab“ was genau meint ihr mit diesen Begriffen?

FabLab (engl. fabrication laboratory) bezeichnet eine universell ausgestattet Werkstatt, welche von vielen unterschiedlichen Nutzern benutzt werden kann. Oftmals werden FabLabs auch als offene Werkstatt, Selbsthilfewerkstatt oder Makerspaces bezeichnet.
 Die Möglichkeit selbst Dinge zu bauen, zu kreieren oder zu reparieren, löst einen von der Abhängigkeit anderer. Sie schafft Freiheit, deshalb Freiheitswerkstatt. 


Wie ist die Arbeit bei euch strukturiert?

Insgesamt haben wir elf unterschiedliche Werkstattbereiche, von Fahrradwerkstatt, Schneiderei, 3D-Drucker und Kreativwerkstatt decken wir so ziemlich alles ab. Unsere Werkstätten stehen allen unentgeltlich zur Verfügung. Neben unserem normalen Werkstattbetrieb bieten wir einmal pro Woche spezielle Workshops in den unterschiedlichen Werkstätten an. Das können einfache Einsteiger- oder aber auch Fortgeschrittenen-Workshops sein. Zusätzlich finden unter der Woche noch weiter Programme, wie Gitarren- oder Sportunterricht statt, welche oftmals von Locals durchgeführt werden.

Wie sieht der Alltag im FabLab aus?

Jeden Tag kommen im Schnitt um die 75 Leute zu uns. Manche kommen nur um einen Tee zu trinken, die meisten allerdings kommen mit einer konkreten Idee. Oftmals gelingt es die Idee noch am gleichen Tag in die Tat umzusetzen. In manchen Werkstätten wiederum, wie zum Beispiel der Holzwerksatt, ist die Nachfrage jedoch so groß, dass wir mit Terminen arbeiten müssen. Dann kann es auch mal passieren, dass Leute mehrere Wochen warten müssen. Jeden Tag enden wir also mit neuen Regalen, reparierten Fahrrädern, neu geschneiderten Kleidern, selbst gebauten Gepäckträgern und vielem mehr. Ein nicht zu vergessenes Highlight jeden Tages ist das gemeinsame Mittagessen, welches zusammen mit Leuten aus den Camps zubereitet wird.

Was sind deine Lieblingsprojekte?

Über die Jahre haben wir viele großartige Projekte gestartet. Besonders in Erinnerung bleiben große Projekte wie der Bau eines Domes oder der Pergola. Oftmals sind es aber auch die kleinen, genialen Projekte, die unsere Maker jeden Tag machen: Fahrradanhänger, selbstgebaute Bluetooth speaker, Trainingsmaschinen aber auch Programme wie Science Wednesday, in denen wir Jugendlichen unterschiedliche wissenschaftliche Themen näher bringen.

Abgesehen von der Integration, die ihr durch dieses Projekt vorantreibt, wieso ist das Projekt noch wichtig?

Auf einer praktischen Ebene bieten wir oftmals die einzige Möglichkeit für Geflohene Dinge selbst zu erstellen oder zu reparieren. Aufgrund unseres internationalen Expertenteams können wir zusätzlich dabei helfen, neue Fähigkeiten zu erlernen und sich somit auch auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Die Erfolgserlebnisse, durch die selbst fertiggestellten Projekte, tragen zudem sehr zur mentalen Gesundheit und dem Selbstwertgefühl bei. Das ist neben der praktischen Arbeit sicherlich die wichtigste Komponente unseres Projektes. Darüber hinaus gelingt es uns mit unserer Arbeit auch ein positives Bild der Geflohenen zu zeichnen.

Wie kann man euch unterstützen?

Wir sind immer auf der Suche nach Leuten mit Erfahrungen in unseren Werkstätten und natürlich nach großzügigen Spendern. Momentan sind wir vor allem auf der Suche nach Leuten, die sich vorstellen können auch für mehrere Monate Vorort mitzuwirken.


Momentan werden ja viele der Flüchtlinge, die in Lagern auf den griechischen Ägäisinseln „umgesiedelt.“ Bekommt ihr etwas davon mit? Und wenn ja wie läuft das ab?

In den letzten Monaten sind nur etwa 50 neue Geflohene in unser Camp gekommen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Schübe mit mehreren hundert Leuten. Teilweise werden dafür neue Container aufgestellt, manchmal müssen die Geflohenen aber auch in die bereits bestehenden Unterkünfte eingeteilt werden, was natürlich zu Spannungen unter den Geflohenen führt.

Momentan kursieren ja Gerüchte, dass die Türkei Migranten aus dem Landesinneren an die Küste der Ägäis gebracht habe, mit dem Ziel, dass diese dann mit Booten die griechischen Inseln erreichen. Der Türkei wird dabei unterstellt, eine zweite Flüchtlingskrise an der EU-Außengrenze zu inszenieren. Glaubst ihr, dass das gerade tatsächlich geplant wird und wenn ja, wie könnten die Folgen aussehen?

Das hier ist meine persönliche Meinung und kein offizielles Statement:
 Sicher ist, dass die Türkei ein hohes Risiko mit ihrem Versprechen, die Grenzen zu öffnen, einging. Der Türkei muss bewusst gewesen sein, dass sie dadurch tausende Menschen in eine gefährliche Situation an der griechisch-türkischen Grenzen bringen würde, ohne diesen Schritt zuvor mit Griechenland/EU koordiniert zu haben. Glaubt man unterschiedlichen Berichten, versuchte die Türkei somit Druck auf die EU auszuüben, um weiter EU-Gelder zur Bewältigung der Flüchtlingskrise zu bekommen. Anstatt Griechenland bei der Aufnahme von Geflohenen zu helfen, bekam Griechenland breite Unterstützung in der Grenzsicherung, selbst wenn es von Anfang an zahlreiche Berichte über Gewalt und Demütigungen gab. Griechenland hat mit der Aussetzung des Asylrechtes und ihren Schnellverfahren klar gegen internationales Recht verstoßen. Man darf dabei nicht vergessen, dass Griechenland von vielen EU-Politkern für ihr Verhalten gelobt wurde, somit hat für mich ein Stück weit auch die gesamte EU gegen internationales Recht verstoßen.

Aufgrund von Corona hat sich die Lage an den Grenzen entspannt. Doch gelöst ist das Problem nicht. Entspannt sich die Lage im Nahen Osten nicht wird es über kurz oder lang zu einer erneuten Flüchtlingswelle kommen. Ein erneuter Ansturm würde momentan fatale Folgen haben, da die Lager der Inseln gnadenlos überfüllt sind. Um die Situation auf den Inseln zu verbessern braucht es dringend eine europäische Lösung zur Umverteilung der Geflohenen auf die gesamte EU.

Vielen Dank für das Gespräch Tobi!

 

Ein Artikel von Lena Kerschensteiner



28.05.2020 15:39,
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